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Hutschn

Das Land der Schaukeln

Damüls Faschina und Bischofswiesen, 17.11.21

Ein Stück Holz, ein Seil, ein Körper und los geht‘s. Vor- und rückwärts schwingen. Den Wind auf der Haut spüren. Ungestört träumen. Aus dem Gleichgewicht kommen und wieder hinein. Das ist Schaukeln – ein einfaches Glück, das uns alle miteinander verbindet.

"Hutschn“, heißt das auch in Bayern. Das sagt man dort, wenn ein Kind in der Wiege geschaukelt wird. Hinter diesem einprägsamen Begriff verbirgt sich das Herzensprojekt von Andreas Baumann, Matthias und Andreas Bunsen. Die drei Gründer aus dem Berchtesgadener Land stellen in aufwendiger Handarbeit hochwertige Schaukeln aus Eichenholz her, die sogenannten „Hutschn“. Neben ihren eigentlichen Berufen, denn wie es zu dieser außergewöhnlichen Idee kam, war reiner Zufall.

Drei Freunde, ein Traum
"Als meine Großmutter verstarb, habe ich ein Häuschen in Bischofswiesen geerbt. Dafür habe ich einen Schreiner gesucht, der mir hilft, es nach meinen Vorstellungen umzubauen. So haben mein Mann Matthias und ich Andreas Baumann kennengelernt“, erzählt Andreas Bunsen. Aus der Arbeit ist Freundschaft geworden und ein Traum entstanden. Als sie bei einem Abendessen beim Schreinermeister eingeladen wurden, entdeckten die beiden eine wunderschöne Schaukel, die er für seine Kinder gebaut hat. „Wir haben ihn gefragt, warum er diese Schaukel nicht verkauft, die will doch jede:r haben. Er meinte, dass die bei der Arbeitszeit, die er reinstecke, viel zu teuer wäre. Matthias und ich waren aber so begeistert, dass wir gleich gesagt haben, lasst uns doch ein Projekt daraus machen“, berichtet Andreas.

Weil alle drei in ihrer Kindheit gern geschaukelt sind, fragten sie sich, was wohl passiert, wenn man Schaukeln an verschiedenen Orten aufstellt und damit in die Öffentlichkeit geht. „Das Schaukeln ist ein universelles Thema, weil es Menschen über die Kulturen hinweg anspricht. Es adressiert das Kindheits-Ich, das in allen von uns steckt. Das wollen wir mit unseren Schaukeln wiederbeleben“, meint der Gründer, der nach zehn Jahren bei der Lufthansa eine Marken- und Kommunikationsagentur betreibt. Dem qualitativen Anspruch von Schreiner Baumann möchten sie treu bleiben und das Projekt nur so lange machen, wie es allen Freude bereitet.

Das Holz
Bewusst haben die Berchtesgadener sich trotz hoher Nachfrage gegen eine kommerzielle Massenproduktion entschieden. Die „Hutschn“ sind alles Unikate, die im Meisterbetrieb von Andreas Baumann von Hand in 15 detaillierten Arbeitsschritten gefertigt werden. Aus möglichst regionalem, massivem 200 Jahre altem Eichenholz. „Viele Schreinereien geben das Holz in die Trockenkammer, um den Prozess zu beschleunigen. Unseres hingegen trocknet mindestens zehn Jahre lang an der Luft“, erklärt Bunsen. Der Vorteil? Die Fasern des Holzes können sich an das Klima gewöhnen und das Holz verformt sich nach der Bearbeitung keinen Zentimeter. „Das ist, wie wenn du ein Kind verbiegen willst. Dann wirst du auf Widerstand stoßen. Gib ihm Zeit und Ruhe und es findet seine eigene Form“, meint Andreas. Mit dem Holz, das bei der Fertigung übrigbleibt, werden Tellerschaukeln (Della-Hutschn), Hängematten (Launtsch) oder auch Brotbrettchen gebaut. Die Späne in den Ofen gestopft und die Werkstatt damit geheizt.

Das Seil
Die Seile, an denen das Holzbrett hängt, werden in einem weltweit einzigartigen Verfahren gespleißt. Warum? Weil das Spleißen die Seile besonderes robust macht und damit extremen Belastungen standhält. Das Seil kommt völlig ohne Knoten aus. Das kennt man vom Schiffsbau oder von Seilbahnen. Das Seil hält rein über die Klemmwirkung, wenn sich die einzelnen Fasern miteinander verbinden. „Der schwäch-ste Punkt eines Seils ist immer der Knoten. Durch Reibung und Belastung reißt es dann irgendwann. Unser Seil hingegen hält 2,5 Tonnen, also einen ganzen Elefanten, aus. Das braucht kein Mensch, aber wir lieben es mit dem Material etwas zu machen, das utopisch ist“, schmunzelt der Ideengeber.

Das Gerüst
Für das Gerüst, an dem die Schaukel schlussendlich hängt, arbeiten die „Hutschn“-Macher mit einem Metall- und Holzbauer zusammen. Die Aufhängung muss je nach Größe, Ort und Lage extrem sicher sein. Über ein riesiges Fundament im Boden kann das filigrane Gestell auch Wind und Wetter trotzen. Bei großen Dimensionen kann es schon bis zu sechs Monate dauern, bis die Rohstoffe für so ein Gestell kommen. Sind diese dann da, wird die Aufhängung vom Schreinermeister in der Werkstatt kalibriert, auch bei höchstem Schnee ausgeliefert und vor Ort mit den Jungs aufgebaut.

Das Land der Schaukeln
So wie in Damüls Faschina, wo letzten Winter vier überdimensionale „Hutschn“ in nur vier Wochen aufgestellt wurden. Nur fußläufig zu erreichen, eine auf der Skipiste, in bis zu 1.850 Metern Seehöhe mit atemberaubendem Bergblick. Tourismusdirektor Mathias Klocker entdeckte die Schaukeln in den Medien und nahm Kontakt mit den Herstellern auf. Die Zusammenarbeit sollte der Beginn von etwas Größerem sein. Dem Tourismusverantwortlichen aus Damüls schwebt ein europäischer Schaukelwanderweg in den Alpen vor. Bei Gründer Andreas stieß er damit auf offene Ohren: „Mathias und mich umtreiben ähnliche Gedanken, wie wir den Tourismus nachhaltiger und lebendiger machen können. Wir wollen dafür über die Länder hinweg etwas Langlebiges schaffen, das uns Menschen miteinander verbindet.“ Denn was wir heute unter dem etwas ausgelutschten Begriff „Nachhaltigkeit“ verstehen, stehe im Fokus des Schaukelprojekts.

In (die) Freiheit schaukeln
Ähnlich große Schaukeln stehen nicht nur in Damüls, sondern auch in Andreas Heimat, Berchtesgaden am Obersalzberg. Da, wo Hitler seinen Berghof hatte und irren Pläne schuf. Hier wurde bewusst eine „Hutschn“ aufgebaut, um an diesem sensiblen Ort sinnbildlich in die Freiheit zu schaukeln. Auch im Kulturhof Stanggass in Bischofswiesen, in Tourismusbetrieben oder auf der Marxenhöhe stehen weitere „Hutschn“, letztere mit spektakulären Ausblicken auf Berchtesgaden und die umliegenden Alpen. Andreas und seine Freunde erreichen auch immer wieder Anfragen von Prominenten, wie beispielsweise der Autorin Rita Falk. „Sie ist begeisterte Hutscherin. Wenn sie gestresst ist, sagt sie, hockt sie sich auf die Schaukel, schwingt los und lässt ihre Geschichten entstehen“, erzählt der Gründer stolz. Manchmal schicken Andreas und Co. auch eine Schaukel an jemanden raus, der sie sich nicht leisten kann. Denn der Preis für eine handgefertigte „Hutschn“ ist mitunter stolz: ab 433 Euro ist sie zu haben. „Es sind aber Schaukeln fürs Leben“, sagt Andreas und betont: „Wir sind eine kleine Werkstatt und wollen unserem Anspruch treu bleiben. In unseren Preisen steckt die gesamte kreative und handwerkliche Leistung. Rabatte sehe ich als Entwertung von Arbeit. Qualität hat einfach seinen Wert. Das müssen wir gesamtgesellschaftlich wieder schätzen lernen.“

Menschen sind Sinnsuchende
Die „Hutschn“ ist mehr als nur eine Schaukel. Ein gemeinsamer Weg, der über den Mut zu spinnen und Kindheitsträume zu verwirklichen, entstanden ist. „Die Schaukel hat uns drei geholfen, uns zurückzubesinnen. Das hört sich schräg an, aber sobald sich jemand auf eine Schaukel setzt, wird die Metaebene aktiviert. Menschen, die sehr verkopft sind, lassen endlich los. Schaukeln hat etwas Befreiendes“, meint Andreas und erklärt: „Wir haben Versuche gemacht und auf größeren Festen vier Schaukeln gegenüber aufgestellt. Wildfremde Menschen sind aufeinander zu geschaukelt und ins Gespräch gekommen. Sie haben sich mit den Füßen berührt, gescherzt und gelacht. Am Ende sind sie zusammen in der Wiese gesessen und haben sich unterhalten.“

Die „Hutschn“ sei deshalb ein Steigbügel, um Menschen auf Ideen zu bringen und miteinander zu verbinden. „Der Verkauf der Schaukel stand für uns nie im Vordergrund, sondern sie zu nutzen“, sagt Andreas. Auch zur Lenkung von Tourismusströmen. Die Schaukeln sollen Gäste weg von den Hot Spots leiten und so Entschleunigung für diese Orte schaffen. Etwas, das auch bei den drei Freunden einen großen Stellenwert hat. „Wir haben alle Ähnliches erlebt. Geprägt vom Leistungswahnsinn, den wir in der Schule schon eingetrichtert bekommen, waren wir in diesem Hamsterrad gefangen und nicht mehr glücklich“, erzählt der Berchtesgadener und meint: „Das Projekt hat uns da rausgeholt. Aus dem Geschehniszwang, immer etwas tun zu müssen. Wir haben uns wieder auf die Qualität von Arbeit, Freundschaft und Leben besinnt. Denn am Ende des Tages haben wir nur dieses eine und es ist verdammt schnell rum.“

Resonanz statt Entfremdung
Natürlich sei das nicht immer leicht. Denn auch bei der Arbeit mit Freunden, wolle immer einer ganz vorne sein. „Darüber können wir heute lachen, das hat uns zusammengeschweißt. Wir haben vor allem über das Kollaborative unheimlich viel Qualität und Erlebnisse in unser Leben geholt. Aus unserer Freundschaft ist durch die vielen Gespräche an den Wochenenden so viel mehr entstanden“, freut sich Andreas. Für die Zukunft wünsche er sich deshalb noch mehr spannende Projekte, wie beispielsweise Schaukeln in Krisengebieten oder zwischen armen und reichen Bezirken in Städten aufzustellen. „Die erste Schaukel wurde bei Ausgrabungen im 13. Jahrhundert vor Christus, vermutlich von einer Priesterin aus Kreta, gefunden. Als begeisterter Europäer möchte ich durch kulturelle Projekte in ganz Europa den Perspektivwechsel philosophisch verdeutlichen und echte Begegnungen zwischen den Leuten schaffen“, gibt der Kommunikationsexperte preis.

Denn die Themen, die die Menschen faszinieren und beschäftigen, seien immer die Gleichen. Andreas meint: „Wir leben in einer digitalen Welt, in der wir in 24 Stunden überall sein können, wo wir wollen. Was uns aber fehlt, ist die Resonanz. Das zu tun, was einem wirklich Freude macht und Sinn stiftet. Das zieht andere Menschen magisch an und schafft eine echte Verbindung. Auch dafür steht das „Hutschn“-Projekt. Unsere Schaukel kann so eine Schwingung, ein Impuls sein, die Welt mit anderen Augen zu sehen.“

Die Perspektive wechseln
„Ich habe mich immer gefragt, wie ich gut wirtschaften und einen kleinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen kann. Das geht nicht immer auf, aber ich möchte schon möglichst enkeltauglich und regional leben. Je älter ich werde, desto wichtiger ist mir das“, meint der Schaukelfan. Für ihn bedeute das vor allem raus aus dem höher, schneller, weiter und hin zu einem ruhigeren Leben und auch Tourismus. Die Schaukel schaffe dabei eine Schnittstelle zwischen Mensch und Natur. Sie sei eine Einladung zum Perspektivwechsel, den Blick auf die Umgebung immer wieder neu zu schärfen und dem kindlichen Impuls zu folgen. Sowie über das klassische Produzieren von Gegenständen hinauszudenken und die Schaukel auch in Bereichen wie der Philosophie, Kultur und Performances mit Künstlern einzusetzen. „Wir überlegen immer wo es Synergien gibt und treffen dabei auf Menschen, die etwas bewegen wollen, wie im Bregenzerwald. Da gibt es so viele Leute, die einfach schaffen und gemeinsam gestalten. Diese Kultur hat mich sofort erreicht“, ist der kreative Kopf begeistert.

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